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landesinfo | Ausgabe März 2003, Seite 4

23. März 1983

Krieg der Sterne?

In der »Star-Wars-Speech« kündigte US-Präsident Ronald Regan ein umfangreiches Forschungs- und Entwicklungsprogramm für ein weltraumgestütztes strategisches »Verteidigungsprogramm« (SDI – Strategic Defense Initiative) an, das darauf zielte, das Gleichgewicht militärischer Abschreckung zugunsten der USA zu verschieben. An die Stelle der Vergeltungsdrohung sollte die faktische Unverwundbarkeit der Vereinigten Staaten treten. Der Gedanke, der Weltraum würde nun ebenfalls militarisiert und in das Wettrüsten der Systeme einbezogen, sorgte nicht nur beim sowjetischen Gegenpart für Unruhe. Angesichts der bereits vorhandenen Kapazitäten für den atomaren Overkill musste jede Verschiebung des »Gleichgewichts des Schreckens« unkalkulierbare Gefahren heraufbeschwören.

Wie störanfällig die militärische Balance war, zeigte die Auseinandersetzung um die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa. Den sowjetischen SS 20 sollten im Gegenzug amerikanische Pershing II folgen. Deren Stationierung hatte der Nato-Doppelbeschluss für den Herbst 1983 angekündigt. Beide deutsche Staaten waren davon besonders betroffen. Auf ihren Territorien konzentrierten sich die Raketenarsenale. Deshalb waren die »Grünen« nicht von ungefähr mit dem Slogan »Entrüstet Euch!« in den Bundestagswahlkampf gezogen und hatten die Fünf-Prozent-Hürde genommen. Auch der Außerordentliche Bundeskongress der Jusos in Oberhausen stellte sich Anfang März unter des Motto »Gegen Nachrüstung! Gemeinsam für Frieden und Arbeit!« Die vielfältigen Proteste gegen die »Nachrüstung« blieben nicht ohne Wirkung auf den Bundestag, der im November die Raketenstationierung mit 286 Für-Stimmen bei 225 Gegenstimmen billigte. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der DDR-Führung und der UdSSR in der Raketenfrage blieben unter der Oberfläche. Das Plädoyer für eine internationale Koalition der Vernunft im Interesse des Friedens über alle Schranken hinweg auf der Berliner Karl-Marx-Konferenz und die Aufforderung, »lieber zehnmal zu verhandeln als einmal zu schießen«, waren jedoch auch Mahnung an die eigene Führungsmacht. Innenpolitisch wirkte das Engagement gegen die Raketenstationierung ambivalent. Es trug der SED-Führung Sympathien ein und mobilisierte zugleich alternative Friedensgruppen, die sich nicht in vorgegebene Schemata einbinden ließen.


Prof. Dr. Jürgen Hoffmann