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landesinfo | Ausgabe Mai 2004, Seite 4

1. Mai 1929 – »Blutmai« in Berlin

Mit großer Brutalität geht die Polizei in Berlin gegen alle vor, die trotz des Demonstrationsverbots an der Tradition der Maiaufmärsche festhalten wollen. Schon im Vorfeld hatten die Behörden äußerste Härte angekündigt. Während SPD und Gewerkschaften ihren Mitgliedern zur Einhaltung des Verbotes raten, folgen ca. 8.000 Menschen dem Demonstrationsaufruf der KPD. In den »roten« Arbeitervierteln Neukölln und Wedding sammeln sich die einzelnen Gruppen. Die Polizeikommandos treiben sie mit Gummiknüppeln, Wasser und Warnschüssen auseinander. In der Hasenheide und am Hackeschen Markt sind am Mittag bereits die ersten Verletzten und der erste Tote durch gezielte Schüsse zu beklagen. In der Kösliner Straße kommt in den Abendstunden ein Panzerwagen mit Maschinengewehr zum Einsatz. Häuserfronten mit roten Fahnen und erleuchtete Fenster werden unter Dauerbeschuss genommen. Nach offiziellen Angaben sterben an diesem Maitag neun Menschen, 63 Demonstranten und Unbeteiligte werden schwer verletzt und 860 verhaftet. Die Polizei registriert in ihren Reihen lediglich 25 Verletzte.

In den folgenden zwei Tagen werden der Wedding und Neukölln erneut Schauplatz rücksichtsloser Polizeieinsätze. Wieder kommen Panzerwagen und Maschinengewehre sowie Karabiner zum Einsatz. Ganze Viertel werden zeitweise abgeriegelt. Am 3. Mai beschließt das Polizeipräsidium, den Polizeieinsatz zu verschärfen. Über Wedding und Neukölln wird faktisch der Ausnahmezustand verhängt. Die Polizei richtet Maschinengewehrstellungen in Tordurchfahrten, auf Balkonen und auf Dächern ein. Erst am 4. Mai entspannt sich die Lage wieder.

Die Bilanz des Polizeiterrors ist erschreckend: 33 Tote, 198 Verletzte und 1.228 Festnahmen. Auch bürgerliche Journalisten rügen die von der Polizei geschürte Eskalation der Gewalt. Die Behauptung, Schüsse von Demonstranten hätten dieses Vorgehen erzwungen, sind mehr als fragwürdig. Die einzige Schussverletzung auf Seiten der Polizei hatte sich der Beamte nachweislich selbst beigebracht.

Verantwortlich für das Demonstrationsverbot und das Vorgehen der Polizei ist Karl Friedrich Zörgiebel (1878 – 1961). Der gelernte Küfer ist seit 1901 Mitglied der SPD und seit 1926 Berliner Polizeipräsident. Später wechselt er bis zu seiner Entlassung durch die Nazis nach Dortmund. Nach dem Kriege ist er am Aufbau der Polizei in Rheinhessen-Pfalz beteiligt. Die Bundesrepublik würdigt ihn mit dem Bundesverdienstkreuz.

Ende Mai 1929 weist der SPD-Vorsitzende Otto Wels jede Schuld für die Vorfälle zurück und diskreditiert die Demonstranten als »kleinere Gruppen missgeleiteter, halbreifer Burschen und Elemente, die mit der organisierten Arbeiterschaft nicht das Geringste zu tun haben«.


Jürgen Hofmann