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BerlinInfo | Ausgabe März 2006, Seite 3

Offensiv Wahlkampf führen

Gregor Gysi: Wir werden ernster genommen

Die ersten 100 Tage sind vorbei. Was siehst du auf der Habenseite der Fraktion DIE LINKE?

Wir haben uns in dieser kurzen Zeit erstaunlich gut zusammengefunden und eine gemeinsame Politik herausgebildet. Trotz unterschiedlicher Positionen, mit denen wir produktiv umgehen.

Und was steht politisch unterm Strich?

Ich erlebe einen Vorgang, den ich bis dahin noch nicht kannte: Die etablierten Parteien nähern sich uns an. Als wir im Wahlkampf den Mindestlohn vorschlugen, wurde mir vorgeworfen, das sei ökonomischer Unsinn etc. Inzwischen schwankt der Bundespräsident, schwankt die Bundeskanzlerin. Wir sind noch nicht so weit, aber es gibt dort Bewegung. Wir hatten ein Zukunfts-Investitionsprogramm gefordert. Uns wurde mitgeteilt, das sei völlig illusionär. Jetzt hat die große Koalition ein Zukunfts-Investitionsprogramm vorgeschlagen. Viel zu gering, aber immerhin: Sie haben sogar die Vokabel übernommen. Ich will das alles nicht überbewerten. Weil: In der Sache sind und bleiben sie neoliberal. Sie erhöhen das Rentenalter, sie reduzieren die Leistungen für jüngere Arbeitslose. Aber, es ist für mich dennoch ein neuer Umstand. Wir werden ernster genommen.

Das Verhältnis der Bundes-Gewerkschaften zur PDS war lange unterkühlt. Bessert sich das jetzt?

DGB-Chef Sommer war bei uns, Ver.di-Chef Bsirske war auf unserem Parteitag. Es beginnt Normalität. Das hängt natürlich mit dem Zusammengehen mit der WASG und Oskar Lafontaine zusammen, aber auch deutlich mit unserer eigenen Entwicklung. Auch der Umgang der Kirchen mit uns ist besser geworden. Selbst die FDP pflegt jetzt einen normaleren Umgang. Die drei Oppositionsfraktionen kriegen bestimmte Dinge ja nur gemeinsam hin oder gar nicht.

Im September wird in Berlin gewählt, in den Bezirken und im Land. Was empfiehlst du der Linkspartei.PDS?

Wir sollten einen offensiven Wahlkampf führen, auf unsere Leistungen hinweisen. Wenn es Fehler gegeben hat, kann man auch dazu Stellung nehmen. Ehrlichkeit zahlt sich regelmäßig aus. Und wir müssen Ziele formulieren. Vor allem müssen wir ganz deutlich machen: Alle anderen Parteien sind neoliberal, nur wir nicht. Wer also weiterhin eine öffentliche Verantwortung und eine parlamentarische Mitbestimmung für Krankenhäuser, für Wohnungen, für den Nahverkehr, für Bildung, Kultur, Wasser und Energie – das heißt für Bereiche der Daseinsvorsorge – erhalten will, der muss die Linkspartei.PDS wählen.

Interview: Axel Hildebrandt