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Elisabeth Voß

Dipl. Betriebswirtin (FH) / Publizistin in Berlin.

Themen und Arbeitsfelder: Solidarische Ökonomien, genossenschaftliche Unternehmungen, Hausprojekte, Selbstorganisation, Finanzierung und Kommunikation.

Vorstandsmitglied des NETZ für Selbstverwaltung und Kooperation Berlin-Brandenburg e.V. und Redaktionsmitglied und Autorin der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation.

Autorin des »Wegweiser Solidarische Ökonomie ¡Anders Wirtschaften ist möglich!«, AG SPAK Verlag, Neu Ulm, 2010: www.solioeko.de/voss

Aktuelles Projekt: »Geld oder Leben« - Radiosendung zum Thema Solidarische Ökonomien in Berlin, jeden Mittwoch morgen kurz nach 8h auf Radio multicult.fm: www.contraste.netz-bb.de

Kontakt: post@elisabeth-voss.de

Mailingliste Solidarische Ökonomie Berlin-Brandenburg: listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/solioeko

9. Juni 2012Elisabeth Voß

I. Idee und Praxis Solidarischer Ökonomien
II. Was tun zur Förderung anderen Wirtschaftens in Berlin?

Ergänzung zum Input »Formen und Ansätze Solidarischer Ökonomien in Berlin« (Workshop 3) auf der Stadtkonferenz der Partei Die Linke: »Berlin – wohin gehen wir?« am 9. Juni 2012

 

I. Idee und Praxis Solidarischer Ökonomien

  1. Ökonomie oder Wirtschaft ist im Kern etwas ganz Einfaches. Sie umfasst alle Prozesse, in denen Menschen durch Einsatz ihrer Arbeit aus natürlichen oder von Menschen geschaffenen Ressourcen Produkte herstellen und Leistungen erbringen, die andere benötigen. Sowohl für die Herstellung als auch für die Verteilung dieser Produkte und Leistungen ist es erforderlich, dass die Beteiligten Vereinbarungen darüber treffen, was in welcher Menge und auf welche Art und Weise hergestellt, und nach welchem Modus es verteilt werden soll. Aber wie und durch wen werden diese Entscheidungen getroffen? Erfolgen sie unter den Bedingungen von Macht und Herrschaft, oder demokratisch, transparent und kontrollierbar? Wer entscheidet in wessen Interesse?
  2. Solidarität bedeutet nicht Wohltätigkeit oder soziales Handeln im Sinne von charity, sondern Handeln zum eigenen Nutzen auf der Basis von Gegenseitigkeit, entspricht also z.B. dem klassischen Genossenschaftsverständnis gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Selbsthilfe zum Nutzen der Mitglieder. Hier kommt es darauf an, wer mit wem und für wen, bzw. vielleicht auch gegen wen solidarisch ist, d.h. in wessen Interesse sich Menschen zu solidarischen Einheiten zusammen tun.
  3. Ohne Wirtschaft kann kein Mensch leben, jede und jeder ist darauf angewiesen, die Produkte und Leistungen zur Verfügung zu haben, die sie und er zum Leben benötigt. Ob diese Produkte und Leistungen überhaupt zur Verfügung stehen, und wenn ja in welcher Qualität und zu welchen Bedingungen – das ist im wesentlichen eine Frage der Demokratie, eine Frage des Zugangs zu Ressourcen und eine Frage der Aushandlungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft.
  4. Der Begriff »Solidarische Ökonomie« wurde Anfang der 1980er Jahre vom chilenischen Wirtschaftswissenschaftler Luis Razeto Migliaro geprägt. Er untersuchte wirtschaftliche Selbsthilfe von Marginalisierten und entdeckte einen bis dahin unbekannten Produktionsfaktor, den er Faktor C nannte, die Kraft der Zusammenarbeit, deren sieben Bestandteile im Spanischen alle mit C beginnen: Companerismo (Freundschaft), Cooperacion (Zusammenarbeit), Comunidad (Gemeinschaft), ComUnion (Einheit in der Vielfalt), Colectividad (Kollektivität), Carisma (Charisma) und Compartir (Teilen). »Solidarische Ökonomie« ist nicht eindeutig definiert, denn es gibt keine Instanz, die das Recht oder die Macht hat, eine solche Festlegung verbindlich vorzunehmen. In demokratischen Unternehmungen wirtschaftlicher Selbsthilfe entscheiden die Akteure selbst, wie sie ihr Handeln beschreiben und wie sie ihr Selbstverständnis definieren.
  5. Der entscheidende Unterschied zur herrschenden, auf Macht, Konkurrenz und Gewinnmaximierung basierenden Ökonomie besteht jedoch darin, dass in solidarischen, oder auch alternativen, sozialen oder genossenschaftlichen Ökonomien die Menschen im Vordergrund stehen, nicht die Gewinne: »People before profits«. Bei aller Unterschiedlichkeit ist das Motiv und der Antrieb solidarischen Wirtschaftens immer die Befriedigung konkreter Bedürfnisse, und nicht die Erzielung von Gewinnen.
  6. Wirtschaftliche Selbsthilfe hat zwei notwendige Voraussetzungen: Erstens verstehen die Akteure die Welt als veränderbar (»another world is possible«) und zweitens sind sie davon überzeugt, dass sie selbst in der Lage sind, die Welt (ihre Welt) zu verändern. Diese Selbstermächtigung beinhaltet eine Kritik am Bestehenden und ein Aufbegehren dagegen.
  7. Weltweit existieren verschiedenste Ansätze anderen Wirtschaftens mit unterschiedlichen Größenordnungen und Reichweiten, zum Beispiel Unternehmen im Besitz der Belegschaft, Hausprojekte, Landwirtschafts- und ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Gemeinschaften, Energiegenossenschaften, Gesundheitsprojekte, Kinderläden und freie Schulen. Auch in unternehmensübergreifenden Strukturen wird anderes Wirtschaften praktiziert, zum Beispiel in Dorf- und Regionalentwicklungsprojekten, großen Unternehmensvereinigungen und transnationalen Handelsabkommen.
  8. Diese Vielfalt Solidarischer Ökonomien lässt sich sowohl am Markt als auch teilweise in staatlichen Strukturen verorten, ebenso jenseits von Markt und Staat. Sie bringen unterschiedliche Produkte, Leistungen und Vereinbarungen hervor, und finden jeweils eigene Ausgestaltungen des Eigentums, der demokratischen Entscheidungsfindungsprozesse, der Zusammenarbeit und der Entlohnung der Arbeit.
  9. Mit der zunehmenden Privatisierung der Daseinsvorsorge – Wasser/ Abwasser, Energie, Mobilität, Gesundheitswesen, Bildung, Müllentsorgung etc. – stellt sich die Frage nach dem wirtschaftlichen Engagement der BürgerInnen verstärkt: Wo ist es sinnvoll, die Versorgung in die eigenen Hände zu nehmen, und wo sollte für eine Rekommunalisierung oder Verstaatlichung gekämpft werden?
  10. Weil es »nichts Richtiges im Falschen« gibt, müssen alle Ansätze anderen Wirtschaftens ihre Kompromisse mit dem Bestehenden machen. Daraus entstehen unterschiedliche Erfahrungen, nach innen im Umgang miteinander und nach außen in den Beziehungen zum Markt (z.B. Marktvergleich, Nutzung freier Güter für berufliche Zwecke etc.) und zum Staat (politische Rahmenbedingungen). Die sich daraus ergebenden Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und mit ihnen offen umzugehen, gehört zu den großen Herausforderungen anderen Wirtschaftens.
  11. Oft entsteht wirtschaftliche Selbsthilfe aus Konflikten oder erfordert soziale Auseinandersetzungen um die Aneignung von Ressourcen (z.B. Land, Häuser, Förderungen etc.). Daher gehören soziale Bewegungen und alternativökonomische Strukturen zusammen, auch wenn die konkrete Kooperation für beide Seiten oft eine Herausforderung darstellt.
  12. Je mehr die Lebensverhältnisse sich verschlechtern und das Bestehende seine Legitimation verliert, desto stärker werden die Notwendigkeiten, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Jedoch ist die Fähigkeit zur Selbsthilfe und Selbstorganisation sehr unterschiedlich verteilt. Kooperatives wirtschaftliches Handeln kann Chancen zur Verbesserung der Lebenssituation der Beteiligten eröffnen. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass solidarökonomische Selbsthilfe den ohnehin Privilegierten vorbehalten bleibt.
  13. Auch nach innen ist Solidarische Ökonomie kein Sonntagsspaziergang, denn die Sozialisation in einer konkurrenzbasierten Gesellschaft bereitet kaum auf die erforderliche Kooperationsfähigkeit vor. Wenn nicht aktiv gegengesteuert wird, setzen sich oft gesellschaftliche Dominanzen fort. Daher stellt die Entwicklung einer Kultur der Kooperation eine weitere große Herausforderung dar.
  14. Ebenso wie die herrschende Wirtschaft sind auch die Solidarische Ökonomien männerdominiert. Aus der Kritik und dem Wunsch nach eigenen Strukturen entstand eine vielfältige Frauenprojekteszene.
  15. Der überwiegende Teil der Unternehmungen und Projekte anderen Wirtschaftens – jedenfalls sein sichtbarer Teil – ist von leistungsfähigen weißen Mittelschichtsangehörigen dominiert. Es gibt Ansätze wirtschaftlicher Selbstorganisation von gesellschaftlich marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Eine weitgehend ungelöste Herausforderung ist jedoch die selbstverständliche Inklusion in Solidarischen Ökonomien.
  16. Lokal und global geht es um Gerechtigkeit, um die Teilhabe an der Nutzung von Ressourcen, um gute Arbeit und ein gutes Leben für alle. In Solidarische Ökonomien finden sich Ansätze, die zum einen das Leben der direkt Betroffenen verbessern, und zum anderen als Keimformen einer anderen Welt und Lernfelder für ein Leben nach dem Kapitalismus verstanden werden können.

 

II. Was tun zur Förderung anderen Wirtschaftens in Berlin?

  1. Zum Beispiel: Die Idee einer anderen Wirtschaft in die Welt bringen:

    • Die Möglichkeit von Alternativen überhaupt denkbar werden lassen.
    • Keine vorschnellen theoretischen Antworten und Modelle, sondern eine breite und kontinuierliche Diskussion wirtschaftlicher Fragestellungen.
    • Gegen die neoliberale Hegemonie dezentrale Deutungsmacht »von unten« aufbauen, statt neue Machtzentren zu schaffen.

  2. Zum Beispiel: Die Vielfalt anderen Wirtschaftens sichtbar machen:

    • Zeigen, dass Solidarische Ökonomie keine Utopie oder Theorie ist, sondern eine bereits heute bestehende Realität.
    • Vielfalt der Praxis als Ermutigung und Beweis, dass es Bereiche der Wirtschaft gibt, die anders als mit vorrangiger Gewinnerzielungsabsicht funktionieren.
    • Gleichzeitig diese Praxis kritisch-solidarisch hinterfragen, Kompromisse und Widersprüche benennen, Scheitern und Gelingen reflektieren.

  3. Zum Beispiel: Unterstützung wirtschaftlicher Selbsthilfe:

    • Grundsätzliche Ausrichtung jeder Förderung und Unterstützung auf demokratische Selbstbestimmung der Betroffenen und Verpflichtung auf soziale Ziele.
    • Offensiv mit der Interessensfrage umgehen: Wem kommt die Förderung zugute? Wer entscheidet darüber? Was sind die Kriterien?
    • Überprüfbarkeit durch Transparenz sicherstellen.
    • Öffentliche Räume, Flächen und Gebäude für wirtschaftliche Selbsthilfe zur Verfügung stellen, statt sie zu privatisieren
    • Andere Schwerpunktsetzungen in der Wirtschaftsförderung: LowTech statt HighTech, lokale Ökonomie statt Absatzradius über 50km, Subventionen gerechter verteilen.
    • Keine Zwangszuweisungen in Arbeitsfördermaßnahmen, sondern Freiräume für Selbstorganisation und Angebote auf freiwilliger Basis mit dauerhafter Perspektive.
    • Eigenkapitalhilfen für genossenschaftliche Unternehmungen.
    • Selbsthilfefähigkeit verbessern durch Unterstützung von Beratung, Begleitung und Fortbildung für kooperative Vorhaben auf freiwilliger Basis und durch frei gewählte BeraterInnen bzw. Einrichtungen.

Und vieles mehr... Die Betroffenen werden selbst am besten wissen, was sie benötigen.