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26. Oktober 2007Reportage

Projekt mit Zukunft

Wie öffentliche geförderte Beschäftigung Familien hilft

Für erwerbstätige Mütter ist es ein Traum: Eine flexible, zuverlässige Kinderbetreuung zu Zeiten, in denen keine Kita geöffnet hat. Für Langzeitarbeitslose ist es die Chance auf einen echten Job. Für Kathrin Jürschik war es der Weg zu ihrem Traumjob.

Fast ein Jahr suchte Nicole Zillmann aus Pankow nach einer Betreuung für ihren Dreijährigen. Hatte sie Frühschicht, begann ihr Tag um halb sechs, wenn noch keine Kita geöffnet hat. Babysitter konnte sie mit ihrem Krankenschwesterngehalt kaum bezahlen, erst recht keinen finden, der schon um fünf Uhr morgens zuverlässig bereit steht. An einer Ampel in Pankow stieß sie auf einen Flyer. »Flexible Kinderbetreuung« wurde darauf angeboten. Der Absender: ein Frauenzentrum namens Paula Panke.

Kathrin Jürschik

Heute ist Nicole Zillmann eine von rund 60 Müttern, die sich gar nicht mehr vorstellen können, wie sie ohne Paula Panke Beruf und Familie unter einen Hut bekommen sollen. Die Krankenschwester in der Sportmedizin hat mittlerweile eine Dreiviertel-Stelle und betreut Spitzensportler. Wenn sie aus dem Haus muss, steht Kathrin Jürschik schon vor der Tür und kümmert sich um ihren Sohn. Ohne Jürschik könnte sie maximal zehn Stunden pro Woche arbeiten. Jetzt kann sie sogar einen ganzen Tag auf Dienstreise gehen, wenn es ihre Stelle erfordert. »Und wenn mein Kind krank ist und ich zu Haue bleibe, kann ich auch mal kurzfristig absagen. Sie heißt flexible Kinderbetreuung und das stimmt auch wirklich«, freut sich Zillmann.

Eine alte Idee der Linkspartei wird endlich Realität

Was sich anhört wie ein Service, den sich nur Reiche leisten können, ist in Wirklichkeit ein Modellprojekt der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und dem Jobcenter Pankow: Es sind neu geschaffene Stellen im öffentlich geförderten Beschäftigungen (ÖBS), die Langzeitarbeitslosen die Chance bieten, ins Berufsleben zurück zu finden. Im Paula Panke Frauenzentrum wurden 15 dieser Stellen eingerichtet. Sie kommen einkommensschwachen Eltern zu gute, die außerhalb der Kita-Öffnungszeiten arbeiten müssen. Die Betreuerinnen holen die Kinder von der Kita ab, bringen sie zur Musikschule, zum Sport oder lesen Gute-Nacht-Geschichten vor. In Absprache mit den Eltern kümmern sie sich um all das, was Mütter und Väter normalerweise tun würden. Dafür zahlen die Familien einen kleinen Beitrag, der größere Teil wird aus Mitteln der Arbeitsagentur und mit Steuergeldern finanziert. 

Für die Idee, Stellen für Langzeitarbeitslose zu schaffen, die dem Gemeinwohl zu Gute kommen, setzt sich die Linkspartei seit Jahren ein. Als Harald Wolf noch Senator für Wirtschaft und Arbeit in Berlin war, erzählte er bei einem Besuch im »Paula Panke« Frauenzentrum von dem neuen Projekt. Die Frauen von Paula Panke waren begeistert: »Da haben wir uns gleich beworben«, erzählt Helga Adler, Leiterin des Frauenzentrums. Das Konzept brauchten sie nur aus der Schublade ziehen. Schon in den 90er Jahren, als nach der Wende Betriebskindergärten abgewickelt wurden, standen viele Erwerbstätige plötzlich vor der Situation, ihre Kinder nicht mehr außerhalb der Kita-Zeiten betreut zu wissen. Damals beschlossen die Frauen von Paula Panke, weiterhin dafür zu sorgen, dass die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Beruf für Frauen möglich ist. Sie finanzierten ihr Projekt erst über die Robert Bosch Stiftung, dann über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), stets war der Bedarf größer als das Angebot. Als die ABM ausliefen, entschieden die Frauen, die Kinderbetreuung auf keinen Fall über Ein-Euro-Jobs weiterlaufen zu lassen. »In dem Rahmen kann man es Frauen nicht zumuten, auch in den Abendstunden individuell Kinder zu betreuen«, erklärt Projektleiterin Daniela Dräger. Zudem waren die Ein-Euro-Jobs zu kurzfristig angelegt. Die Kinder sollten sich ja nicht jedes halbe Jahr an eine neue Bezugsperson gewöhnen müssen.

Dr. Helga Adler und Daniela Dräger

Wo Arbeitgeber profitieren, dürfen sie auch investieren

Das neue ÖBS-Projekt, die Berliner Alternative zum Ein-Euro-Job, passte Paula Panke dagegen gut ins Konzept. Denn die Stellen im öffentlichen Beschäftigungssektor (ÖBS) sind auf bis zu drei Jahre angelegt, für viele der ehemals langzeitarbeitslosen Betreuerinnen bieten sie damit eine echte berufliche Perspektive, die zudem fair bezahlt wird. Und auch dem Frauenzentrum bietet die gesicherte Finanzierung für drei Jahre neue Möglichkeiten, das Projekt weiter zu entwickeln: »Wir wollen die Zeit nutzen, um die flexible Kinderbetreuung auf eigene Füße zu stellen«, erkärt Helga Adler. Ein ehrgeiziger Plan, denn so viel ist klar: Viel mehr als die 2,50 bis 4 Euro, die die Stunde Betreuung zurzeit kostet, können die meisten Familien nicht aufbringen. »Eigentlich müsste die Stunde 15 Euro kosten, das kann sich eine Krankenschwester nicht leisten«, hat Adler ausgerechnet. Deshalb will sie andere Finanzierungsquellen anzapfen. Sie hofft auf kommunale Förderung sowie auf Unternehmen, die Betreuungsplätze für ihre Mitarbeiter/innen sponsern. In dem von Technologie und Medizin geprägten Buch und Pankow, wo man auf Fachkräfte kaum verzichten kann, ist eine positive Resonanz durchaus denkbar. Auch der Handel ist ein potenzieller Partner: »Die Unternehmen profitieren von erweiterten Ladenöffnungszeiten und erwarten von ihren Mitarbeiterinnen, dass sie sich anpassen. Dann sollten sie auch die entsprechende Leistung bringen«, fordert Adler und fährt fort: »Flexible Arbeit braucht nun mal auch flexible Kinderbetreuung. Es ist nicht einzusehen, die Finanzierung dem Staat zu überlassen.« Auch die Senatorin für Arbeit und Soziales, Heidi Knake-Werner (DIE LINKE) hofft, dass einige der auf den Weg gebrachten öffentlichen Beschäftigungen es schaffen, sich einmal selbst zu tragen: »Viele unserer öffentlich geförderten Projekte sind so erfolgreich, dass sie in der Lage sein werden, sich eigene Finanzquellen zu erschließen.«

So flexibel Arbeit geworden ist, so flexibel müssen auch die Betreuerinnen von Paula Panke sein. Ihre Arbeitszeiten liegen zwischen 6 und 23 Uhr, in Ausnahmefällen auch Samstags und den frühen Morgenstunden. So muss eine Eisenbahnerin schon um vier Uhr morgens aus dem Haus, glücklicherweise fand sich eine Betreuerin bereit, sich mitten in der Nacht um ihre Kinder zu kümmern. »Die Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiterinnen ist sehr hoch«, lobt Daniela Dräger. Die Bezahlung ist fair, wenn auch nicht üppig. Für 38,5 Stunden erhalten sie 1.566 Euro brutto. Einige von ihnen sind ausgebildete Erzieherinnen, andere wurden nach qualifiziert, so wie Kathrin Jürschik, die früher im kaufmännischen Bereich tätig war. »Für mich war es ein Traum, diese Chance zu haben, in die Kinderbetreuung reinzukommen, weil ich das schon immer machen wollte«, erklärt die 42-Jährige. Mit Unterstützung von Paula Panke will sie im nächsten Jahr berufsbegleitend eine Ausbildung als Erzieherin absolvieren.

Apiyu Kürth

Für die einen eine neue Berufsperspektive, für die anderen eine große Entlastung

Ihrer Kollegin Apiyo Kürth erschien es dagegen eher als ein Alptraum, morgens um sechs  in einer fremden Wohnung zu stehen und Menschen im Nachtgewand zu begegnen. Überhaupt war Apiyo Kürth von dem Jobangebot des Arbeitsamtes anfangs nicht begeistert. Ihren letzten Ein-Euro-Job beim Theater Rambazamba hätte sie gern weiter gemacht. Mit einer neuen Stelle fürchtete sie den Kontakt zu verlieren. Kleine Kinder zu betreuen, zumal die eigenen gerade groß waren, erschien ihr alles andere als verlockend: »Das war mein Horror, dass ich mit einem schreienden Kind in der Hand durch Pankow laufe, Kind fühlt sich fremd, ich fühle mich fremd.«

Ein Jahr hat es gebraucht, bis Apiyo Kürth sich mit ihrer neuen Beschäftigung angefreundet hat. In ihrer Freizeit spielt sie weiterhin mit den geistig Behinderten von Rambazamba Theater, mit ihrer Arbeit ist sie zufrieden. Jana Dienert, um deren Kinder sie sich unter anderem kümmert, ist mehr als zufrieden mit ihr: »Ohne Apiyo ginge es gar nicht. Manchmal kommt es vor, dass sie uns um 23 Uhr verlässt und am nächsten Morgen um sechs Uhr schon wieder hier ist.« Die allein erziehende Palliativschwester arbeitet in einem Hospiz. Einstellungsvoraussetzung war, dass sie Schichtdienst arbeitet und auch darüber hinaus flexibel einsetzbar ist. »Wenn jemand gerade verstirbt, kann ich nicht nach Hause gehen«, erklärt Dienert. Es erleichtert sie, zu wissen, dass sie auf Apiyo Kürth  zählen kann, wenn einmal Unvorhergesehenes den Tag durcheinander bringt. Ihre beiden Kinder, vier und acht Jahre alt, haben sich recht schnell an die neue Bezugsperson gewöhnt. »Es war wichtig, dass die Kinder von Anfang wussten, dass es okay ist, wenn sie in unsere Burg kommt. Wenn ich geklammert hätte, wäre es nicht gegangen«, sagt Dienert. Wichtig ist Mutter und Betreuerin auch, dass sie in Erziehungsfragen übereinstimmen. »Wir haben von Anfang an harmoniert, da hat Frau Dräger einen Volltreffer gelandet«, freut sich Dienert. Projektleiterin Daniela Dräger versucht bei jeder Familie im Vorfeld herauszufinden, wer zueinander passen könnte. Bevor eine Betreuung vereinbart wird, spricht sie ausführlich mit der Mutter, fragt nach den Bedürfnissen der Kindern. Nicht zuletzt liegt eine Stärke der flexiblen Kinderbetreuung darin, dass sie von den Bedürfnissen der Kinder ausgeht. Weil die Kinder zu Hause betreut werden, können sie ihren normalen Rhythmus, ihre Schlafenszeiten beibehalten, auch wenn die Eltern abends arbeiten müssen. Ein Modell mit Zukunft, davon sind die Frauen von Paula Panke überzeugt.

Podcast
3. Dezember 2007

Bei Paula Panke

Das Angebot Flexibler Kinderbetreuung stellt sich vor.

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