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9. Dezember 2004Abgeordnetenhaus von Berlin

Bessere Bildung ist besonderen Einsatz wert

Rede der Abg. Carola Freundl in der 61. Sitzung des Abgeordnetenhauses am 9. Dezember 2004
Aktuelle Stunde »Bildung in Berlin: klug reformieren, Chancen gerecht verteilen, mehr investieren« [aus dem Wortprotokoll]

Frau Freundl (PDS):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zwei Botschaften bewegen uns in diesen Tagen: Deutschlands Schüler sind auch an den Gymnasien nur Mittelmaß, heißt die eine, und die andere – was gerade in einer Stadt wie Berlin besonders schwer wiegt –: Bildungserfolg hängt in der Bundesrepublik wie in keinem anderen Staat von der sozialen Herkunft ab. Es muss uns zu denken geben, wenn Kinder aus gut verdienenden Familien bei gleicher Begabung eine sechsmal höhere Chance haben, auf einem Gymnasium zu landen, und wir auf der andere Seite feststellen, dass immer mehr Jugendliche aus sozial schwachen und insbesondere Migrantenfamilien nicht einmal einen Abschluss erreichen. Ihre Aussichten auf einen Ausbildungsplatz und auf Integration – wir haben vor zwei Wochen hier darüber diskutiert –, werden immer geringer.

Die Ergebnisse der jüngsten OECD-Erhebung überraschen dabei nicht wirklich. Bereits die 2001 veröffentlichte Studie PISA 2000 ließ, so die Autoren heute, Bedenken hinsichtlich einer gerechten Verteilung der Bildungschancen aufkommen. Wir haben in Berlin als erstes Bundesland mit einem neuen und modernen Schulgesetz auf PISA reagiert. Vor fast genau einem Jahr wurde an diesem Ort dieses Schulgesetz beschlossen und erhielt viel Lob von Bildungsexperten. Es trägt auch die Handschrift der PDS. Rot-Rot hat deutlich die Veränderungen angeschoben, beginnend vom Kitabereich bis hin zur Hochschule. Die Stadt erlebt einen Umbruch, wie es ihn viele Jahre unter anderen politischen Konstellationen nicht gab.

[Beifall bei der PDS – Vereinzelter Beifall bei der SPD]

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, der Bildungsbereich ist momentan die größte Baustelle Berlins. Wir haben da ein solides Fundament bereitet, angefangen bei der Kita. Und es gibt inzwischen ein verbindliches Bildungsprogramm, bei Sprachdefiziten eine gezielte Förderung von 10 Stunden pro Woche,

[Frau Senftleben (FDP): Wahnsinnig!]

und anders als in vielen anderen Bundesländern ist in Berlin ein Kitabesuch auch Kindern von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfangenden möglich – Bedingungen, um die uns viele andere Länder beneiden.

[Beifall bei der PDS – Vereinzelter Beifall bei der SPD]

Bei den Änderungen der Kita-Elternbeiträge haben wir darauf geachtet, dass sich im Interesse gleicher Bildungschancen für Familien mit geringen Einkommen nichts ändert.

[Frau Dr. Klotz (Grüne): Die anderen melden sich ab!]

Und wenn Berlin in diesem Bereich jetzt nicht die erwarteten Mehreinnahmen verbuchen kann, belegt dies vor allem, dass die Zahl der Familien mit geringem Einkommen höher ist, als wir alle erwartet haben. Die wenigen Abmeldungen, die in den Bezirken zu verzeichnen sind, können daran nichts ändern.

Rot-Rot hat den Schulbeginn reformiert. Wir schulen früher ein, und wir gestalten die wichtige Anfangsphase flexibler. Das ermöglicht uns, die unterschiedlichen Entwicklungsstände der Kinder zu berücksichtigen und individuell zu fördern. Die Kinder können dadurch vermehrt mit- und voneinander lernen. Wir bauen die ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote in den Grundschulen aus, und wir verlagern die Zuständigkeit der Horte im Sinne eines ganzheitlichen pädagogischen Konzepts an die Schulen. Neu in Berlin ist der mittlere Schulabschluss für alle Schularten nach der 10. Klasse und die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur. Die Schulen selbst können eigenverantwortlich mehr entscheiden, beim Schulprogramm, bei der Einstellung von Personal und bei anderen Ressourcen oder bei einer außerschulischen Kooperation.

Auch in der Frage, wie Schule stärker als bisher den Ehrgeiz wecken und die Fähigkeiten vermitteln kann, ein Leben lang nach neuem Wissen zu streben, sind wir vorangekommen. Die Kultusministerkonferenz bemüht sich jetzt tatsächlich – mühsam, wie ich finde –, mit Bildungsstandards dem hinterherzukommen. Berlin hat vieles in seiner Koalitionsvereinbarung unter dem Stichwort intelligentes Wissen schon vermerkt, und punktuell da, wo man die KMK nicht braucht, auch umgesetzt.

Umsetzen lässt es sich allerdings nur, wenn sich auch bei der Lehrerinnenaus-, -fort- und -weiterbildung etwas ändert Mit dem laufenden Wintersemester beginnt die Reform der Lehrerinnenausbildung an den Universitäten. Dabei muss die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge mehr werden als nur die organisatorische Umsetzung des Bolognaprozesses im Hochschulbereich.

[Beifall bei der PDS und der SPD]

Es geht um inhaltliche Veränderungen vor allen Dingen in Richtung des Praxisbezugs des Studiums, und gerade im Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft und gerade im Umgang mit einem hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Deshalb sage ich ganz deutlich: Je eher Lehramtsstudierende sich mit dem Alltag an der Berliner Schule auseinander setzen müssen und können, desto besser für alle.

[Beifall bei der PDS und der SPD]

Der PDS, das ist kein Geheimnis, gehen die Baupläne im Bildungsbereich allerdings noch nicht weit genug. An oben Mittelmaß und unten Elend, um die Ergebnisse von PISA einmal mit den Worten der GEW-Bundesvorsitzenden Stange zu beschreiben, wird sich erst dann etwas ändern, wenn das gegliederte Schulsystem überwunden werden kann. Das muss mittelfristig auch Ziel für Berlin sein. Erfolgreiche Bildungsnationen sind die, in denen es keine Unterscheidung von Kindern in Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiasten gibt.

[Beifall bei der PDS – Frau Senftleben (FDP): Die sind nicht erfolgreich!]

Bildungsspitzenreiter sind Länder, in denen Kinder lange mit- und gemeinsam voneinander lernen. Ich sage Ihnen ganz persönlich: Für mich hat es einen hohen Wert, dass ich 10 Jahre lang mit den gleichen Menschen in eine Schule gegangen bin. Ich habe zu ihnen heute noch Kontakt, unabhängig davon, welchen Bildungsweg sie danach gegangen sind und was sie heute tun.

[Frau Senftleben (FDP): Mir kommen die Tränen!]

Ich möchte hier ausdrücklich nicht dem DDR-Schulsystem das Wort reden, das hatte andere Defizite. Doch wenn uns eine Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft gelingen will und soll, brauchen wir eine Schule, die akzeptiert, dass es Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen gibt. Ängste, dass leistungsstarke oder begabte Kinder dabei auf der Strecke bleiben, sind deshalb völlig unbegründet, weil Schüler nachweislich in leistungs- und herkunftsheterogenen Gruppen besser lernen und ihre Ergebnisse sich nicht nur in einer verstärkten sozialen Kompetenz, sondern in verstärkter Leistungsbereitschaft gerade dieser leistungsstarken Schülerinnen ausdrücken.

[Beifall bei der PDS]

Wer genau diese Erkenntnisse verschweigt und hier das Gespenst der Einheitsschule zeichnet, um ein gegliedertes Schulsystem aufrechtzuerhalten, dem sage ich, der hat aus meiner Sicht PISA einfach nicht verstanden.

[Beifall bei der PDS]

Wir wollen keine Einheitsschule, sondern eine, in der jeder Einzelne zählt, wo individuell gelernt werden kann, und dies auch mit- und voneinander, und wo dann keine Notwendigkeit besteht, die Schule zu wechseln oder zu verlassen. Es ist sehr erfreulich, dass die Zustimmung für diese grundsätzlichen Veränderungen in Deutschland wächst. Wir brauchen allerdings dafür einen langen Atem. Es ist schwierig, darauf Antworten zu finden im Hier und Jetzt. Ist es richtig, Hauptschulen abzuschaffen, oder genügt es, sie besser zu machen? Ist es z. B. sinnvoll, auf diesem Weg Sozialarbeiter einzusetzen? – Ein solcher Vorschlag ist grundsätzlich zu befürworten, allerdings auch mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern bleiben Hauptschulen Restschulen. Sie stehen unabhängig davon, wie gut sie sind und wie engagiert die Lehrerinnen und Lehrer in ihnen sind, am Ende der unteren Bildungshierarchie, am Ende der Ausleseskala. Als Restschulen demotivieren sie Schülerinnen und Schüler, wir müssen das zur Kenntnis nehmen. Das Problem ist das Ausleseprinzip und nicht die Schulart.

[Beifall bei der PDS]

Die Koalition von SPD und PDS hat deutliche Veränderungen in den Strukturen des Bildungswesens vorgenommen. Wir wollten das, und wir wussten, dass die begonnenen Reformen auch Gegenwehr produzieren. Und wir haben gelernt: Mehr Sorgfalt bei der Vorbereitung sowie eine stärkere Einbeziehung der Betroffenen wäre besser gewesen. Wir haben auf diesem Gebiet auch, wie ich finde, Fortschritte erzielt. Immer mehr offene Fragen konnten und können in Gesprächen und Verhandlungen mit Beteiligten erklärt werden. Weil wir wollen, dass z.B. mehr Mittel bei den Kindern direkt ankommen, werben wir im Moment bei den Bezirken dafür, dass der Zusammenschluss kommunaler Einrichtungen zu großen, leistungsfähigen Kitabetrieben dazu einen Beitrag leisten könnte. Auch die Ängste und Sorgen von Eltern, die mit dem Wechsel der Zuständigkeiten der Hortbetreuung an die Schulen einhergehen, dürften ein wenig kleiner geworden sein. Erst gestern konnte Schulsenator Böger einen Vertrag mit freien Trägern abschließen, der deutlich macht, dass Schulen je nach ihren Möglichkeiten bei der Ganztags- und Ferienbetreuung mit einem oder mehreren freien Trägern oder auch mit freien und öffentlichen Angeboten kooperieren und diese nutzen können.

[Steuer (CDU): Bisschen spät!]

Als wichtige Verbündete für unsere Vorhaben brauchen wir natürlich die Lehrerinnen und Lehrer in unserer Stadt. Viele sind sehr engagiert, auch unter schwierigen Bedingungen. Dazu zählt nicht zuletzt der tariflose Zustand für die angestellten Lehrerinnen und Lehrer des Landes. Ich sage für die PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus: Wir wollen ihn beenden.

[Beifall bei der PDS]

Denn bessere Bildung ist besonderen Einsatz wert, und da können wir alle noch viel voneinander lernen.

[Beifall bei der PDS und der SPD]