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9. Dezember 2004Abgeordnetenhaus von Berlin

Für eine Schule, die längeres mit- und voneinander Lernen ermöglicht

Rede der Abg. Siglinde Schaub
in der 61. Sitzung des Abgeordnetenhauses am 9. Dezember 2004
Aktuelle Stunde
»Bildung in Berlin: klug reformieren, Chancen gerecht verteilen, mehr investieren« [aus dem Wortprotokoll]

Frau Schaub (PDS):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Immerhin gehören die Schüler in Deutschland bei der Lösung von Problemen zur internationalen Spitzengruppe. Mit dem Herausfinden und Zusammenstellen einer zweckmäßigen Bahnverbindung war das nachzuweisen. Für die Berliner Schüler keine Hürde – BVG-geschult! Bemerkenswert an diesem Testergebnis ist, dass die Schüler ihre Problemlösungskompetenz wohl nicht in der Schule erworben haben. Auch immerhin sind wir an anderer Stelle – bei den Gymnasiasten – diesmal bis ins Mittelfeld gekommen. Ich will den Erfolg nicht kleinreden, im Gegenteil sollte er lehrreich sein, denn das Mittelfeld ist mit einer deutlichen Leistungssteigerung der schwächeren Gymnasiasten erreicht worden. Leider sind die guten Nachrichten aus PISA 2003 für Deutschland damit schon zu Ende.

Die wirklich schlimme Nachricht haben wir für die im Schulsystem auf die unterste Stufe sortierten Schülerinnen und Schüler an den Hauptschulen bekommen. Etwa 21 % erreichten in Deutschland die niedrigste Kompetenzstufe oder lagen sogar noch darunter. Diese Risikogruppe ist doppelt benachteiligt. Erstens haben ihre Eltern weniger Geld, weniger formale Bildung und weniger Bücher im Haus, zweitens konzentriert sie das Schulsystem an Schulen mit ebenfalls benachteiligten Jugendlichen. Mit anderen Worten und noch einmal nach PISA 2000 zum Mitdenken für uns alle und weil es für Berlin, wo die Hauptschule zur Restschule geworden ist, besonders zutrifft: In der deutschen Schule werden soziale Benachteiligungen nicht ausgeglichen, sondern verstärkt. Es ist aber eine Voraussetzung der Zivilgesellschaft, die weniger Begüterten mit kulturellem und sozialem Kapital auszustatten. Deshalb ist es eine zentrale staatliche Aufgabe, die Vererbung von Armut über das Bildungswesen zu verhindern. Die Koalition stellt sich dieser Aufgabe.

[Beifall bei der PDS]

Rot-Rot hat wichtige Reformen im Berliner Bildungssystem eingeleitet, die von der großen Koalition versäumt worden waren. Frau Freundl hat für die PDS dazu gesprochen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Sind wir auf dem richtigen Weg? – Das fragen wir uns im Hinblick auf die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Reformen. Das fragen wir aber auch im Hinblick darauf, ob der eingeschlagene Weg zukunftsfähig ist oder womöglich in eine Sackgasse führen könnte. Ja, wir sind auf dem richtigen Weg, obwohl die Schwierigkeiten angesichts der Vielzahl und der Dimension der Veränderungen, der angespannten personellen, materiellen und finanziellen Situation, aber auch angesichts der mancherorts mangelnden Reformbereitschaft in der Berliner Schule groß sind. Haben wir nach 15 Jahren verschlafener Reformen die Wahl, unsere Jugendlichen von der internationalen Bildungsentwicklung abzukoppeln, ihre Lebensperspektiven mit zehn oder zwölf Jahren entscheiden zu lassen? – Für mich ist das eine rein rhetorische Frage. Soll der eingeschlagene Reformweg nicht in eine Sachgasse münden, müssen wir eine Schule entwickeln, in der Kinder und Jugendliche länger miteinander und voneinander lernen. Und das ist – noch einmal für alle, die offenbar vom selektiven Schulsystem so geprägt sind, dass sie nur noch selektiv wahrnehmen können – weder eine Gesamt- noch eine Einheitsschule.

[Beifall bei der PDS – Beifall der Frau Abg. Dr. Tesch (SPD) – Beifall des Abg. Mutlu (Grüne)]

Mit dieser Forderung nach einer Schule, in der Kinder und Jugendliche länger miteinander und voneinander lernen, standen wir vor drei Jahren noch ziemlich allein. Inzwischen stellt sich nicht die Frage, ob, sondern wie das gegliederte Schulsystem zu überwinden ist. Wie wir zu einem längeren gemeinsamen Lernen in der Berliner Schule kommen, bedarf einer Debatte in der Stadt. Da wiederhole ich mich vom Januar dieses Jahres angesichts der Verabschiedung des Schulgesetzes. Es bedarf gewissermaßen einer Bürgerinitiative. Es ist gut zu wissen, dass wir mit unserer Forderung inzwischen längst nicht mehr allein sind. Es stünde uns allen gut an, nicht zu vergessen, beim Lösen von Problemen waren deutsche Schülerinnen und Schüler in der Spitzengruppe. Dahinter sollten wir als Teil der Zivilgesellschaft nicht zurückfallen. Nach PISA ist vor PISA 2006. Es ist Zeit, die begonnenen Reformen umzusetzen und die Strukturdebatte zu führen. – Vielen Dank!

[Beifall bei der PDS]